Debattenbeitrag zur Alten Münze

Hier noch mal mein Debattenbeitrag zur Alten Münze, den ich vor einigen Monaten mit Unterstützung von Wibke Behrens und Christophe Knoche verfasst habe.


Improvisierte Kulturpolitik oder wie aus dem Traum, in der Alten Münze einen Kunst- und Kulturstandort zu entwickeln, eine Farce zu werden droht.


Am 21.01.2020 verkündete die Senatsverwaltung für Kultur und Europa, mit dem House of Jazz ein Leuchtturmprojekt in der Alte Münze zu realisieren.

In der Freien Kunst- und Kulturszene hat diese Entscheidung und ihre Herleitung aus dem Beteiligungsverfahren weitestgehend Fassungslosigkeit ausgelöst.

Um diesen administrativen Vorgang zu verstehen und einordnen zu können, haben wir in den letzten Tagen die verfügbaren Dokumente aus dem Beteiligungsverfahren, die Prozessdokumentation der IG Jazz, Statements und Berichte der Berliner Kulturverwaltung und des Berliner Abgeordnetenhauses, Artikel aus der Presse und Social Media-Kommentare gesichtet und viele Gespräche mit Beteiligten geführt. Wir haben versucht, Kontexte und Zusammenhänge herzustellen und wollen damit einen Debattenbeitrag zur Direktvergabe des Herzstücks der Alten Münze leisten.

Eine Vorgeschichte

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ie Vorgeschichte um die zukünftige Nutzung der Alten Münze erstreckt sich über mehrere Jahre und ist komplex. Sie soll hier nur als kurzer Abriss wiedergegeben werden. Die Alte Münze umfasst insgesamt ca. 15.500 qm, davon sind 6.600 qm Keller- und Untergeschossflächen. Sie wurde bis 2005 als Münzprägewerk genutzt. Anschließend wurde sie dem Berliner Liegenschaftsfonds übergeben.So stand zwischenzeitlich auch ein Verkauf per Direktvergabe an den Investor Nicolas Berggruen im Raum. Der wollte in der Alten Münze ein Kreativquartier mit Ateliers, Wohnungen und Büros errichten, mit dem Musikstudio von Herbert Grönemeyer als Aushängeschild.Im Zuge der Einführung der „Transparenten Liegenschaftspolitik“ des Landes Berlin, die eine Abkehr vom Verkauf landeseigener Liegenschaften nach dem Höchstpreisprinzip vorsieht, wurden allerdings sämtliche Verkaufsaktivitäten gestoppt. Seit 2012 sind die „Spreewerkstätten“ in vielfältiger Weise als Betreiber auf dem Areal aktiv. 2016 wurde der dauerhafte Verbleib der Immobilie im Landeseigentum beschlossen.Den Startschuss für eine öffentlichkeitswirksamere Auseinandersetzung über die zukünftige Nutzung der Alten Münze fiel aber in November 2016, als der Haushaltsausschuss des Bundestages in einer Bereinigungssitzung der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) 12.500.000 Euro für die Umsetzung eines House of Jazz bereitstellte und der Jazztrompeter Till Brönner eine dazu passende von der BKM geförderte, 130 Seiten umfassende Machbarkeitsstudie präsentierte. An ihr wirkten eine Reihe hochkarätiger Unterstützer*innen und Beraterfirmen mit: iqult, ein Dienstleister, der sich auf cultural business spezialisiert hat, Till Brönners Bruder und Ex-Manager Pino Brönner, Geschäftsführer der Musik-Management-Firma Bam Bam Music GmbH, CNC Communications & Network Consulting (eine international tätige PR-Agentur, in dessen Expertenrat Politiker*innen aller politischer Parteien sitzen) sowie PricewaterhouseCoopers (eine der führenden Wirtschafts- und Beratungsgesellschaften in Deutschland). Dieser Beteiligtenkreis verdeutlicht, dass von Anbeginn eine eklatante Asymmetrie im Ideenwettbewerb um die Nutzung der Alten Münze vorlag, und von der die Interessensvertreter*innen des House of Jazz maßgeblich profitierten. Till Brönner hat nicht einfach im Vorbeigehen eine Idee in den Raum geworfen, sondern diese Idee wurde hochprofessionell und mit strategischem Kalkül ausgearbeitet und lanciert. Die Inhalte dieser Studie wurden im weiteren Verlauf mehr oder weniger und im Kern von Interessensvertreter*innen des Jazz aufgegriffen und in ergänzende Konzepte oder Eckpunktepapiere eingefügt, wobei zwischenzeitlich nicht immer ganz klar schien, ob in Abgrenzung von oder in Anlehnung an Till Brönner. Zumindest die IG Jazz

bekundete anfangs eine gewisse Skepsis gegenüber dem House of Jazz und zeigte sich bemüht, eine größere Offenheit gegenüber anderen Musikgenres mitzudenken. Infolgedessen intensivierten sich die Beauftragungen der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), die das Areal bewirtschaftet, zur Machbarkeit und genauso wie die Diskurse zwischen der Berliner Landespolitik, der Kulturverwaltung, der Freien Szene, der Kreativwirtschaft und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren. Das Areal geriet zudem in den Fokus des Arbeitsraumprogramms, ohne allerdings jemals in dessen Portfolio aufgenommen zu werden. Die Koalition der Freien Szene gründete die AG Alte Münze, die einen offenen Prozess um die zukünftige Nutzung der Alten Münze vorantrieb, Runde Tische initiierte, öffentliche Plenen organisierte, Podien moderierte sowie einen kritischen Diskurs über Verfahrensfragen, Fragen der Transparenz und des partizipativen Umgangs mit der Freien Szene und Politiker*innen führte. Dass es aus Sicht der AG Alte Münze weniger um konkrete Nutzungskonzepte ging, wurde von einzelnen Akteuren, zu denen auch die IG Jazz gehörte, durchaus kritisch gesehen, auch um durch Gegenkonzepte Interessen und Begehrlichkeiten aus der freien und Kreativwirtschaft etwas Konkretes entgegenzusetzen. Währenddessen äußerte sich der Kultursenator skeptisch gegenüber einem House of Jazz, lehnte es sogar öffentlich ab wie auf einer Podiumsrunde der Club Commission und präferierte ein Haus für die Basiskultur. Till Brönner zeigte sich darauf in der Öffentlichkeit pikiert und berief sich auf eine Absprache mit Ex-Kulturstaatssekretär Tim Renner. Februar 2017 wurde auf Anregung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa ein Eckpunktepapier der Jazzszene, basierend auf der Studie von Till Brönner, erarbeitet, wo scheinbar inklusiver von einem Haus für die Musik des 21. Jahrhunderts und von einer größeren Offenheit gegenüber anderen Verbänden wie der Initiative Neue Musik (INM) die Rede war. Spätestens nach einem Runden Tisch (ebenfalls in 2017), an dem u.a. die Jazzverbände, Till Brönner und die BKM beteiligt waren, schwenkten die Jazzverbände unisono auf House of Jazz-Linie, was sich in einem weiteren Konzeptpapier widerspiegelte. 2019 entstand ein gemeinsam mit Till Brönner aufgesetztes Betreibermodell, welches auch im selben Jahr in das Beteiligungsverfahren eingebracht wurde.

Letztendlich ist es dem unermüdlichen Wirken der AG Alte Münze, engagierter Kulturpolitiker*innen und der Senatsverwaltung für Kultur und Europa zu verdanken, dass es Mai 2018 zu dem richtungsweisenden Beschluss im Abgeordnetenhaus kam, die Alte Münze zukünftig als Kunst- und Kreativstandort zu entwickeln. Für die erforderlichen Sanierungs- und Herrichtungsarbeiten sind 35.000.000 Euro aus dem SIWANA-Topf bereitgestellt.

Ein Konzept

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ie oben bereits geschrieben, basierte das 2019 vorgelegte Konzept des House of Jazz im Wesentlichen auf den Ideen der 2016 vorgelegten Studie von Till Brönner. In dem Betreiberkonzept einer auf internationale Strahlkraft ausgerichteten zentralen Stätte für den Jazz werden einzelne Module aufgeführt und kostenmäßig veranschlagt: Konzertbetrieb (konsumtive Kosten ca. 1.000.000 €), Ensemblebetrieb (konsumtive Kosten ca. 1.700.000 €), Produktionsetat in Höhe von 250.000 €, Vermittlungs- und Bildungsarbeit (600.000 €), Multimedia Center (175.000 €) Öffentlichkeitsarbeit (190.000 €). Dazu kommen nicht bezifferte Verwaltungs- und Leitungskosten, Kosten für den Betrieb von Ton- und elektroakustischen Studios und einige Ergänzungsmodule. In Till Brönners Studie ist von jährlichen Betriebskosten in Höhe von 5.200.000 € die Rede. Die Baukosten werden auf 28.000.000 € veranschlagt. Wer also die 12.500.000 € des Bundes als Geschenk betrachtet, die es unbedingt mitzunehmen gilt, sollte diese avisierten Bedarfe für konsumtive und Investivkosten im Blick behalten.

Innerhalb der Alten Münze wurde für das House of Jazz Haus 4 und Haus 5 als geeignete Flächen identifiziert. Haus 4 ist die im Innenhof zentral gelegene ehemalige Münzprägehalle, die als das Herzstück des Areals gilt, und insbesondere Raum gibt für einen 1.000 qm großen Konzertsaal. Es umfasst 2.444 qm Nutzungsfläche. Neben dem Bestandsgebäude ist eine bauliche Erweiterung (Haus 5) angedacht, die ca. 2.400 qm umfassen soll. Damit wäre das House of Jazz nicht nur ein Mieter der BIM von vielen, sondern ein sehr präsenter und dominanter Akteur, der als Monolith Programmgestaltung und öffentliche Wahrnehmung der Alten Münze maßgeblich prägen würde.

Das House of Jazz ist eine High-End-Lösung. Es sieht sich in seinem Leitbild und Selbstverständnis ausdrücklich auf Augenhöhe mit internationalen Jazz-Zentren, insbesondere mit dem Jazz at Lincoln Centre in New York, mit dem auch eine Partnerschaft angestrebt wird.

Die Argumentationslinien im Einzelnen zu analysieren wäre sicherlich sehr aufschlussreich, weil sie verschiedene Widersprüche und Ungereimtheiten aufdecken würde. Wir fokussieren uns aber nur auf zwei Punkte: Das House of Jazz als nationale Kulturinstitution und sein jazz-zentriertes Musikverständnis.

Eine nationale Kulturinstitution

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n Till Brönners Studie heißt es u.a.: „Daran anknüpfend bildet das HOUSE OF JAZZ BERLIN Orchestra als eigenständiger Klangkörper ein einzigartiges und flexibles Instrument, den Kulturexport über die nationalen Grenzen hinweg zu fördern. Kulturelle Einflüsse und Aspekte arabischer Musik und Künstler, Sinti-Gruppen in Deutschland und Europa, oder chinesischer Folklore können individuell je nach Anlass und Kulturkalender erarbeitet werden. Staatsbesuche, Feierstunden und internationale Festivals können abseits aller konventionellen Beiträge von einer zeitgemäß zum Vortrag gebrachten Kunstform profitieren, womit einem aufgeklärten, demokratischen und integrativen Verständnis Deutschlands als führender Kulturnation Rechnung getragen werden würde.“

In dem Konzeptpapier, das 2019 in den partizipativen Prozess eingebracht wurde, heißt es:

„Ein House of Jazz am Standort Berlin ist eine echte Chance, ein internationales Zeichen zu setzen.“

„Das „House of Jazz wird nicht zuletzt der Ort sein, an dem international renommierte Künstler endlich einen Auftrittsort finden, den es bisher in Berlin nicht gibt.“

Man kann dem Konzeptpapier von 2019 zugutehalten, dass es auf die schwer verdaulichen Floskeln der Till Brönner-Studie, die auf ein neoliberales, utilitaristisches und national eingefärbtes Kunstverständnis hindeuten, verzichtet hat, dass nicht mehr die Rede ist von Kulturexport, von Kunst als Begleitkulisse für Staatsbesuche und dem anmaßenden Superioritätsgestus, dass Deutschland eine führende Kulturnation sei. Dennoch wird an einer Agenda festgehalten, die das House of Jazz als nationalen und internationalen Leuchtturm wahrgenommen wissen will.

Was ein derartig konzipiertes House of Jazz mit der Freien Kunst- und Kulturszene in Berlin zu tun hat? Im Grunde genommen nichts. Es handelt sich um eine rein subsparten-spezifische Interessenslage, die Bedarfe der Berliner Jazz-Szene als Ausgangspunkt nimmt, um sich in der internationalen Jazzszene als Global Player ins Spiel zu bringen. Der hochdiversen, lokal verankerten Akteursstruktur der Berliner Szenen wird es nicht gerecht, ihre gleichberechtigten Bedarfe bleiben außen vor.

Ein Musikverständnis

Eines der Hauptargumente, die von Verfechter*innen eines House of Jazz vorgetragen werden, ist, dass insbesondere vom Jazz ein transformativer Spirit ausgehe, dass man für Kooperationen mit anderen Musiksparten offen sei und beispielsweise der Konzertsaal auch anderen Nutzer*innenkreisen zur Verfügung stehen könne. Letzteres verwundert allerdings wenig bei einem avisierten jährlichen Potential von 2.500 Auftrittsmöglichkeiten, die man auch in Anbetracht des vielfältigen Veranstaltungsangebot der lokalen Berliner Jazzszene schwerlich nur mit einem Jazzprogramm füllen kann.

Losgelöst davon findet sich in den Papieren der Interessensvertreter*innen des Jazz immer wieder eine Gleichsetzung von Jazz und Musik, von Jazz und Musik des 21. Jahrhunderts, die auf ein jazz-zentriertes Musikverständnis hindeuten.

In dem Konzeptpapier von 2019 heißt es beispielsweise: „Der Begriff Jazz soll im Folgenden synonym und übergreifend verwendet werden für den breiten Bereich der aktuellen Musik, der – oft mit Jazz als zentralem Genrebegriff – das Phänomen Improvisierte Musik in ihrer Gesamtheit einschließt und sich ausdehnt auf Gebiete der experimentellen Elektronik, des avantgardistischen Pop, der zeitgenössischen komponierten Musik, der Multimedia- Performance, Weltmusik und Sound Art.“

An anderer Stelle heißt es: „Das „House of Jazz“ wird damit als Katalysator einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung und Förderung von Musik als integrativer und interkultureller Kunstform leisten.“

Oder: „Jazz als transformatives und experimentelles Genre [...], das seinem Wesen nach integrativ und ein Schmelztiegel verschiedenster Musikströmungen ist.“

Hinter solchen und ähnlichen Verlautbarungen schwingt ein Dominanzdenken mit, dass andere Musiksparten der eigenen Deutungshoheit subsumiert, und den Jazz mit einer Bedeutung auflädt, die er bei allem Respekt vor seinen musikhistorischen Verdiensten und den vielfältigsten Impulsen, die von ihm ausgegangen sind und weiterhin ausgehen, dann doch nicht hat. Transformative, integrative und katalysatorische Potentiale, die dem Jazz durchaus innewohnen, können ohne weiteres auch sehr vielen anderen Musikgenres zugebilligt werden. Sie stellen kein Alleinstellungsmerkmal des Jazz dar. Künstlerische Beeinflussungsströme sind keine Einbahnstraßen, Genres beeinflussen und inspirieren sich gegenseitig. Gerade in einer lebendigen und hoch diversen Kunstmetropole verbietet es sich eigentlich von zentralen Genrebegriffen auszugehen. Und was die einen als Schmelztiegel anpreisen, nehmen andere als Appropriation wahr. Wie auch immer, all das könnte man noch als Antragsprosa abtun, wenn es denn eben im konkreten Fall der Alten Münze nicht dazu führt, dass ein Genre, das laut KSK-Statistik weniger als zehn Prozent der Sparte Musik ausmacht, überdominant über die Räumlichkeiten und Ressourcen verfügen wird, die für einen Musikschwerpunkt geeignet sind. Die anderen Musiksparten bleiben damit weitestgehend außen vor und sind vom kuratorischen Goodwill der House of Jazz-Leitung abhängig und nicht in die Lage versetzt, eigenständig Programme zu entwickeln.

Ein Beteiligungsverfahren

Das Beteiligungsverfahren zur Alten Münze erstreckte sich von der öffentlichen Auftaktveranstaltung am 12.02.19 über mehrere Workshops, Arbeitstreffen und öffentliche Foren bis zum 21.10.19 mit einer abschließenden Präsentation im Abgeordnetenhaus über einen Zeitraum von zehn Monate. Moderiert wurde das Verfahren von der Agentur Urban Catalyst, die von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa beauftragt wurde.

Das Beteiligungsverfahren wurde insbesondere von Vertreter*innen der Freien Kunst- und Kulturszene kritisch gesehen. Die Kritik richtete sich u.a. gegen das Losverfahren, über das die Hälfte der Workshopteilnehmer*innen gewählt wurden, gegen den Verteilungsschlüssel welche Interessensvertreter*innen in welchem Verhältnis beteiligt sind, gegen fehlende Transparenz und Einbindung, gegen Agenda Setting, gegen die Ungewissheit inwieweit die erarbeiteten Ergebnisse für Politik und Kulturverwaltung Verbindlichkeit erlangen und den weiteren Prozess bestimmen.

Losgelöst von diesen und anderen Kritikpunkten, wurden Arbeitsweise und Zusammenarbeit in den Workshops von der überwiegenden Zahl der Teilnehmer*innen als positiv und konstruktiv angesehen. Schaut man sich die Dokumentation des Verfahrens an, muss man anerkennen, dass inhaltlich beachtliche Ergebnisse erarbeitet wurden.

In vielen Punkten wurden gemeinsame Zielsetzungen formuliert, sogenannte übergeordnete inhaltliche Leitplanken, insbesondere im Rahmen einer Charta, sowie Nutzungsprofile und Raumtalente für die einzelnen Häuser der Alten Münze zusammengetragen.

Die Charta beinhaltete im Wesentlichen folgende Leitlinien: die Alte Münze als Kunst- und Kulturstandort soll ein Ort der Vielfalt und Interdisziplinarität sein, öffentlicher Knotenpunkt und Plattform, fest verankert im Quartier, ein Ort gemeinschaftlich nutzbarer Ressourcen, ein Ort der kooperativen Nutzung, ein Ort in kontinuierlicher Veränderung, Schutzraum für prekarisierte Arbeitsformen, Austragungsort stadtpolitischer Debatten. Die Alte Münze soll ausdrücklich kein touristischer Hotspot sein.

Bei einem Themenkomplex kristallisierte sich im Verfahren allerdings frühzeitig grundsätzlicher Dissenz heraus. Die zukünftige Nutzung des Hauses 4/5. Im Gegensatz zu den anderen Häusern der Alten Münze wurden hier konkrete Nutzungskonzepte vorgelegt. Allen voran das Konzept des House of Jazz, das, wie bereits ausgeführt, den Jazz in den Mittelpunkt stellt, aber offen sei für Kooperationen mit anderen Genres.

Das Konzept der INM (Q4 – Haus der freien Musikszene Berlins) setzt auf Pluralität sowie sichtbare und klar strukturierte Programmlinien und Präsentations-Labels einzelner Musikgenres.

Einen Schritt weiter geht das Konzept der Spreewerkstätten (Transdisziplinäres Haus für Kunst und Kultur), das zwar auch den Schwerpunkt auf Musik legt, aber in puncto Offenheit eine transdisziplinäre und spartenübergreifende programmatische Erweiterung vorsieht.

Losgelöst von diesen konkreten Konzeptideen wurde als gemeinsamer Nenner ein Nutzungsschwerpunkt für die Musiksparte identifiziert, mit einem gemeinsam zu nutzenden Konzertsaal, kleineren Spielstätten, Probe- und Produktionsräume sowie eine eigenständige Betriebs- und Organisationsstruktur.

Die baulichen Voraussetzungen sind übrigens bei allen drei Konzepten mehr oder weniger identisch.

Es gab zwei gesonderte Arbeitstreffen und informelle Abstimmungsgespräche außerhalb des Workshopverfahrens mit der Kulturverwaltung, um einen Konsens zwischen den drei Konzepten herzustellen, was allerdings nicht gelang.

Beim Rückkoppelungstermin im September 2019, bei dem die Workshop-

Teilnehmer*innen über die Ergebnisse der Arbeitstreffen informiert wurden, hieß es: „Aktuell überprüft die SenKultEuropa in Rücksprache mit den Autoren (der Konzepte), ob aus der Überlagerung der drei Konzepte eine nutzerneutrale Blaupause für ein Musik- und Konzerthaus als Grundlage für die Bedarfsplanung erstellt werden kann.“

Als Ergebnis des Beteiligungsverfahrens wurde u.a. folgende Eckpunkte festgehalten:


· Haus 4/5 soll das räumliche und programmatische Herzstück der Alten Münze sein.

· Musik soll den Nutzungsschwerpunkt von Haus 4/5 bilden.

· Haus 4/5 soll programmatisch mit der Alten Münze verschränkt werden.

· auch andere Nutzer*innen der Alten Münze sollen die Möglichkeit haben Haus 4 als Plattform zu nutzen.

· Es sollte keine Empfehlung für eines der drei Konzepte formuliert werden, sondern der gemeinsame Nenner herausgearbeitet werden, zumal die baulichen Anforderungen der Konzepte kaum abweichen.

· Eine Entscheidung für eins der drei Konzepte würde dem „Spirit“ der Verfahrensergebnisse entgegenstehen.

Bezüglich der Weiterführung des Beteiligungsverfahren hieß es:


· Die Ergebnisse des Beteiligungsverfahrens sollen die Basis für alle weiteren Entscheidungsprozesse sein.

· Die Beteiligung der freien Kunst- und Kulturszene an der Entwicklung der Alten Münze soll über eineSteuerungsgruppe weitergeführt werden.

· Die Entwicklung der Alten Münze sollte in einen öffentlichen gesamtstädtischen kulturpolitischen Rahmen eingebettet werden.

Diese Leitlinien wurden dann auch in der Anhörung im Berliner Abgeordnetenhaus von Musicboard, Spreewerkstätten und AG Alte Münze, die im Oktober 2019 stattfand, vorangestellt und in der politischen Aussprache von der Regierungskoalition angenommen.

Eine Entscheidung

Die Auswertung der Anhörung im Januar 2020, die zu den nächsten Schritten in der Entwicklung der Alten Münze als zentralen und diversen Ort der Freien Berliner Kunst- und Kulturszene hätte führen können, geriet zu einer Bekundung der erarbeiteten Punkte und Wertschätzung des gesamten Prozesses auf der einen Seite, aber vor allem zu einer Direktvergabe von Haus 4/5.

In der Pressemitteilung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa vom 21.1.2020 hieß es: „Aus kulturfachlicher Sicht wird die Entwicklung einer Ankerinstitution für den Jazz befürwortet, da hier besondere Bedarfe für eine strukturelle Stärkung der Szene vorliegen.“ Nun ist es aber so, dass auch andere Musikgenres und Kunstsparten besondere Bedarfe haben. Auch der Begriff der Ankerinstitution irritiert an dieser Stelle. Zwei Absätze weiter klingt es schon ambitionierter, Till Brönner-like: „Entstehen soll nun ein Zentrum für Jazz und improvisierte Musik mit internationaler Strahlkraft, eine neuartige Institution, die fest in der bundesdeutschen Szene und der Stadt Berlin verankert ist ...“

Ein klassischer Etikettenschwindel, denn gegen eine Ankerinstitution der Berliner freien Jazzszene kann ja eigentlich niemand was haben, auch in der Alten Münze nicht. Aber eine solche Ankerinstitution auf Landesebene benötigt bei weitem keine 5.000 qm Nutzfläche. Und damit hat der Kultursenator sich top down für ein Konzept entschieden, dass fundamental seiner eigenen 2017 ins Spiel gebrachten Idee von einem Haus für die Basiskultur entgegensteht und das ihm offensichtlich die größte Strahlkraft verspricht, hinter dem professionelle Lobbyarbeit insbesondere durch den bestens vernetzten Till Brönner steckt.

Möglicherweise hat der Bund Druck ausgeübt, möglicherweise wollte man auf den Bundeszuschuss in Höhe von 12.500.000 Euro nicht verzichten. All das bleibt Spekulation.

Warum fand überhaupt für das Herzstück der Alten Münze eine spontane Direktvergabe statt? Warum erfolgte sie ohne Transparenz, ohne Vergabekriterien, ohne Konsultationen? Warum beruft sich die Kulturverwaltung bei dieser Direktvergabe auf das Beteiligungsverfahren, in dem konkrete Nutzungskonzepte gerade ausdrücklich nicht als Bestandteile ihrer Ergebnisse ausgewiesen wurden?

Jedenfalls ist diese Entscheidung eine administrative Absage an die Freien Szene, dass in der Alten Münze ein Ort entsteht, der einer breitgestreuten Akteursstruktur vielfältige und langfristige Nutzungsmöglichkeiten offeriert, ein offenes Haus, eine transdisziplinäre spartenübergreifende Ankerinstitution, die sich frei von neoliberalen Leuchtturmphantasmen selbstbewusst in den Dienst der Berliner Freien Kunst- und Kulturszene stellt.

Was haben wir jetzt: die Entscheidung steht im deutlichen Widerspruch zur erarbeiteten Charta und den entwickelten Leitlinien aus dem Beteiligungsverfahren, sollte man nun wie geplant das Herzstück der Alten Münze der Ausgestaltungs- und Deutungs- und Programmhoheit einer einzelnen Subsparte mit ihren Partikularinteressen und internationalen Repräsentationsbedürfnissen überlassen. Schaut man sich die Ergebnisse des Beteiligungsverfahrens genauer an, bieten aber gerade sie vielversprechende Ansätze, den konstruierten Nutzungskonflikt zwischen den Musiksparten aufzulösen und allen Musiksparten einen gleichberechtigten Zugang zu ermöglichen.

Hat sich das Berliner Abgeordnetenhaus ihren eigenen Beschluss, ein Verfahren für ein Nutzungskonzept für die Alte Münze zu entwickeln, lapidar aus der Hand nehmen lassen? Erinnert man sich nicht an die schlechten Erfahrungen von 2011/12, als einem gewissen Nikolas Berggruen die Alte Münze per Direktvergabe zugespielt werden sollte? Wiederholt Berlin die Fehler der Vergangenheit und beugt sich erneut finanzstarkem, professionellem Lobbyismus, statt dem Sachverstand und Bürgersinn des eigens initiierten Beteiligungsverfahren Rechnung zu tragen? Statt mit einer einseitigen Entscheidung zu polarisieren, sollte es das Gebot einer klugen Kulturpolitik sein, eine Konsensfindung anzustreben, in der auf breiter Basis Konflikte offen adressiert, verhandelt und professionell moderiert und der notwendige Raum gegeben wird.

Damit die Alte Münze eine der spannendsten Kunst- und Kulturprojekte Berlins wird, braucht es jetzt kompetenten kulturpolitischen Verstand, Mut zu etwas Neuem und eine Regierungskoalition, die zu ihrem Wort steht.

Es gibt noch viel kulturpolitischen Entscheidungsraum: für Diversität und gegen Einzelgänge. Es bleibt zu hoffen, dass die Berliner Kulturpolitik ihn nutzt und sich wieder für Beschlüsse und Empfehlungen aus dem Beteiligungsverfahren öffnet.

Berlin, 10.02.2020