Debattenbeitrag zur Alten Münze

Hier noch mal mein Debattenbeitrag zur Alten Münze, den ich vor einigen Monaten mit Unterstützung von Wibke Behrens und Christophe Knoche verfasst habe.


Improvisierte Kulturpolitik oder wie aus dem Traum, in der Alten Münze einen Kunst- und Kulturstandort zu entwickeln, eine Farce zu werden droht.


Am 21.01.2020 verkündete die Senatsverwaltung für Kultur und Europa, mit dem House of Jazz ein Leuchtturmprojekt in der Alte Münze zu realisieren.

In der Freien Kunst- und Kulturszene hat diese Entscheidung und ihre Herleitung aus dem Beteiligungsverfahren weitestgehend Fassungslosigkeit ausgelöst.

Um diesen administrativen Vorgang zu verstehen und einordnen zu können, haben wir in den letzten Tagen die verfügbaren Dokumente aus dem Beteiligungsverfahren, die Prozessdokumentation der IG Jazz, Statements und Berichte der Berliner Kulturverwaltung und des Berliner Abgeordnetenhauses, Artikel aus der Presse und Social Media-Kommentare gesichtet und viele Gespräche mit Beteiligten geführt. Wir haben versucht, Kontexte und Zusammenhänge herzustellen und wollen damit einen Debattenbeitrag zur Direktvergabe des Herzstücks der Alten Münze leisten.

Eine Vorgeschichte

D

ie Vorgeschichte um die zukünftige Nutzung der Alten Münze erstreckt sich über mehrere Jahre und ist komplex. Sie soll hier nur als kurzer Abriss wiedergegeben werden. Die Alte Münze umfasst insgesamt ca. 15.500 qm, davon sind 6.600 qm Keller- und Untergeschossflächen. Sie wurde bis 2005 als Münzprägewerk genutzt. Anschließend wurde sie dem Berliner Liegenschaftsfonds übergeben.So stand zwischenzeitlich auch ein Verkauf per Direktvergabe an den Investor Nicolas Berggruen im Raum. Der wollte in der Alten Münze ein Kreativquartier mit Ateliers, Wohnungen und Büros errichten, mit dem Musikstudio von Herbert Grönemeyer als Aushängeschild.Im Zuge der Einführung der „Transparenten Liegenschaftspolitik“ des Landes Berlin, die eine Abkehr vom Verkauf landeseigener Liegenschaften nach dem Höchstpreisprinzip vorsieht, wurden allerdings sämtliche Verkaufsaktivitäten gestoppt. Seit 2012 sind die „Spreewerkstätten“ in vielfältiger Weise als Betreiber auf dem Areal aktiv. 2016 wurde der dauerhafte Verbleib der Immobilie im Landeseigentum beschlossen.Den Startschuss für eine öffentlichkeitswirksamere Auseinandersetzung über die zukünftige Nutzung der Alten Münze fiel aber in November 2016, als der Haushaltsausschuss des Bundestages in einer Bereinigungssitzung der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) 12.500.000 Euro für die Umsetzung eines House of Jazz bereitstellte und der Jazztrompeter Till Brönner eine dazu passende von der BKM geförderte, 130 Seiten umfassende Machbarkeitsstudie präsentierte. An ihr wirkten eine Reihe hochkarätiger Unterstützer*innen und Beraterfirmen mit: iqult, ein Dienstleister, der sich auf cultural business spezialisiert hat, Till Brönners Bruder und Ex-Manager Pino Brönner, Geschäftsführer der Musik-Management-Firma Bam Bam Music GmbH, CNC Communications & Network Consulting (eine international tätige PR-Agentur, in dessen Expertenrat Politiker*innen aller politischer Parteien sitzen) sowie PricewaterhouseCoopers (eine der führenden Wirtschafts- und Beratungsgesellschaften in Deutschland). Dieser Beteiligtenkreis verdeutlicht, dass von Anbeginn eine eklatante Asymmetrie im Ideenwettbewerb um die Nutzung der Alten Münze vorlag, und von der die Interessensvertreter*innen des House of Jazz maßgeblich profitierten. Till Brönner hat nicht einfach im Vorbeigehen eine Idee in den Raum geworfen, sondern diese Idee wurde hochprofessionell und mit strategischem Kalkül ausgearbeitet und lanciert. Die Inhalte dieser Studie wurden im weiteren Verlauf mehr oder weniger und im Kern von Interessensvertreter*innen des Jazz aufgegriffen und in ergänzende Konzepte oder Eckpunktepapiere eingefügt, wobei zwischenzeitlich nicht immer ganz klar schien, ob in Abgrenzung von oder in Anlehnung an Till Brönner. Zumindest die IG Jazz

bekundete anfangs eine gewisse Skepsis gegenüber dem House of Jazz und zeigte sich bemüht, eine größere Offenheit gegenüber anderen Musikgenres mitzudenken. Infolgedessen intensivierten sich die Beauftragungen der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), die das Areal bewirtschaftet, zur Machbarkeit und genauso wie die Diskurse zwischen der Berliner Landespolitik, der Kulturverwaltung, der Freien Szene, der Kreativwirtschaft und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren. Das Areal geriet zudem in den Fokus des Arbeitsraumprogramms, ohne allerdings jemals in dessen Portfolio aufgenommen zu werden. Die Koalition der Freien Szene gründete die AG Alte Münze, die einen offenen Prozess um die zukünftige Nutzung der Alten Münze vorantrieb, Runde Tische initiierte, öffentliche Plenen organisierte, Podien moderierte sowie einen kritischen Diskurs über Verfahrensfragen, Fragen der Transparenz und des partizipativen Umgangs mit der Freien Szene und Politiker*innen führte. Dass es aus Sicht der AG Alte Münze weniger um konkrete Nutzungskonzepte ging, wurde von einzelnen Akteuren, zu denen auch die IG Jazz gehörte, durchaus kritisch gesehen, auch um durch Gegenkonzepte Interessen und Begehrlichkeiten aus der freien und Kreativwirtschaft etwas Konkretes entgegenzusetzen. Währenddessen äußerte sich der Kultursenator skeptisch gegenüber einem House of Jazz, lehnte es sogar öffentlich ab wie auf einer Podiumsrunde der Club Commission und präferierte ein Haus für die Basiskultur. Till Brönner zeigte sich darauf in der Öffentlichkeit pikiert und berief sich auf eine Absprache mit Ex-Kulturstaatssekretär Tim Renner. Februar 2017 wurde auf Anregung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa ein Eckpunktepapier der Jazzszene, basierend auf der Studie von Till Brönner, erarbeitet, wo scheinbar inklusiver von einem Haus für die Musik des 21. Jahrhunderts und von einer größeren Offenheit gegenüber anderen Verbänden wie der Initiative Neue Musik (INM) die Rede war. Spätestens nach einem Runden Tisch (ebenfalls in 2017), an dem u.a. die Jazzverbände, Till Brönner und die BKM beteiligt waren, schwenkten die Jazzverbände unisono auf House of Jazz-Linie, was sich in einem weiteren Konzeptpapier widerspiegelte. 2019 entstand ein gemeinsam mit Till Brönner aufgesetztes Betreibermodell, welches auch im selben Jahr in das Beteiligungsverfahren eingebracht wurde.

Letztendlich ist es dem unermüdlichen Wirken der AG Alte Münze, engagierter Kulturpolitiker*innen und der Senatsverwaltung für Kultur und Europa zu verdanken, dass es Mai 2018 zu dem richtungsweisenden Beschluss im Abgeordnetenhaus kam, die Alte Münze zukünftig als Kunst- und Kreativstandort zu entwickeln. Für die erforderlichen Sanierungs- und Herrichtungsarbeiten sind 35.000.000 Euro aus dem SIWANA-Topf bereitgestellt.

Ein Konzept

W

ie oben bereits geschrieben, basierte das 2019 vorgelegte Konzept des House of Jazz im Wesentlichen auf den Ideen der 2016 vorgelegten Studie von Till Brönner. In dem Betreiberkonzept einer auf internationale Strahlkraft ausgerichteten zentralen Stätte für den Jazz werden einzelne Module aufgeführt und kostenmäßig veranschlagt: Konzertbetrieb (konsumtive Kosten ca. 1.000.000 €), Ensemblebetrieb (konsumtive Kosten ca. 1.700.000 €), Produktionsetat in Höh