Video-Artwork über Form / Forces von Karl Larsson

Das Video entstand im Rahmen der Teilnahme an der Akademie für Lyrikkritik.

Den Beitrag findet ihr ab 1:05:48.


https://www.youtube.com/watch?v=2shEcuMUlUI&t=10s


Karl Larsson versucht in seinem Band Form / Force nichts Geringeres als einen in zeitgenössischer Lyrik selten gewordenen, radikalkritischen Diskurs aufzuspannen, der herrschende Dispositive nicht nur radikal in Frage stellt, sondern in Form einer gewagten Beweisführung negiert, mit teils hartem Theoriesound, zeitgeschichtlichen Verortungen & Verknüpfungen.


Larsson lanciert eine radikale Haltung: radikales Begehren, als Unterfangen, das Sicht- & Dunkelfeld global zu erweitern & zu kartografieren. Performanz als körperliche, künstlerische, soziale oder terroristische Grenzerfahrung, in Ausbeutungs- & Unterdrückungsstrukturen, in ihren Repräsentationen, Skulpturalisierungen, Fortschreibungen, Distributionen & Auslöschungen. Vor dem schier unbeeinflussbaren System die Konsequenz individuellen Scheiterns im Ausnahmezustand. Der Band oszilliert um das Spannungsverhältnis Form & Gewalt. Verdichtete Verkörperung als Form & Verformung, ihr gewaltsames Aufbrechen, Verrätseln, Decodieren & Zerstören. Performanz & künstlerische Verfahren, die sich spiegeln in Alltagspraktiken, in exzeptionelle Gewalt, Krieg, Flucht, ausgerichtet an Gruppierungen, Rebellion, Ordnungsdefinitionen & Besitzdenken.


Ausgangsszene dieser lyrischen Recherche ist der mexikanische Immigrant, als Autositzskulptur getarnt, um illegal in die USA einzureisen. Die Grenzbeamten, die in Gelächter ausbrechen, als sie ihn entdecken. Aber wer lacht hier auf wessen Kosten? Hier ist die Performance kein Spiel, aus dem man jederzeit aussteigen kann, sondern Einstieg in neuerliche Ausweglosigkeit. Es handelt sich um den Ausgangspunkt von Revolte entlang willkürlicher Grenzregime. Revolte, die in Gewalt & Zerstörung kippt, in Ermüdung & Resignation – oder in sadistisch Befreiendes & Entfesselung.


Seine analytischen Ansätze verdeutlicht Larsson in 4 Kapiteln an Andreas Baader, Ian Curtis, dem Taliban-Anführer Mohammed Omar sowie dem Dichter & Andy Warhol-Mitstreiter John Giorno.


Andreas Baader als schillernder, durch Godard- & Marlon Brando-Filme geschulter Prototyp einer radikalisierten Existenz, als ikonische Medienfigur & revolutionäre Männlichkeitskonstruktion. Das Info - Die radikale Prosa der Stammheim-Briefe. Das Verrohte & zugleich Theatrale dieser RAF-Sprache. Stammheim als „idealer raum“, als Theaterbühne. Theoriebildung in der Isolation, getrennt vom Leben draußen. Die Zelle als White Cube. Die Körper der Gefangenen als ikonische Skulpturen. In der Zelle die Fortführung des bewaffneten Kampfes, die Weltrevolution ein Phantasma: gegen Moby Dick, gegen das postfaschistische System. Die Kompromisslosigkeit einer Verblendung, die auch eine performative Kraft ausstrahlt. Phantombilder als Theaterplakate. Andreas Baader, der sich den Decknamen Ahab gibt. Der in seiner Rolle bis zum Äußersten geht, seinen Suizid als Hinrichtung inszeniert.

& weiter. Ian Curtis. Embodiment in Epilepsie. Die Einsamkeit der einzigartigen Form, so Larsson. Die Revolte des rohen Klangs. Sie durchspielen, immer & immer wieder. Die Performance, die Müdigkeit, den Klangbrei, der sich langsam formt & verhärtet. - Der Körper erstarrt, kommt zurück, wächst, verliert sich ins Repetitive, bricht aus in den Grand Mal. Die Liveperformance als Dokumentation, als radikale Arbeit an der Skulptur, an der Ikonifizierung. Bis jemand aus dem Publikum „Heil Hitler“ ruft. Die Form des Textes, des Songs, der Performance, des menschlichen Körpers, der gegen äußerliche & innerliche Gewalt ankämpft. Utopisches Potential durch synthetischen Sound. - Wie kann Radikalität alles umschließen, alle mitreißen, & um welchen Preis?


& weiter. Ein Gedicht über die Taliban, über das Kraftfeld ihrer Machtübernahme. Über ihr Bilderverbotssystem. Larsson zitiert Mohammed Omar, der die Zerstörung der Buddha-Statuen im Bamiyantal anordnete. Das menschliche Scheinbild der Skulptur, im Widerschein der Sonne. Auch der Mensch als Skulptur gedacht. Hier die verehrte Skulptur, eine gleich weggesprengte Buddha-Statue. Dort die geschundene Kreatur, kurz vor dem Hungertod. Was wiegt mehr? Auf welchen Gehaltslisten stehen die Repräsentanten der Konservatorennationen mit ihren Eigeninteressen. Der Zerfall der Monumente mit ihren nachgezeichneten Gesichtszügen als Prozess, als Symbolwechsel, als erodierender Zeichensatz. Mulla Omars argumentativer Trick: wie könnt ihr euch um den Erhalt von Statuen sorgen, während hier Tausende den Hungertod sterben.


& weiter. Was passiert, wenn der Beat-Poet John Giorno nach 6 Stunden aus Andy Warhols Stummfilm sleep erwacht, als überlebender Mythos, & wenn ein Gespräch unter Überlebenden ansetzt. Das, was vom Schlaf der Literatur übrigbleibt: das voyeuristisch Abgefilmte, Missbrauchte.


Die Frage was zählt: The Golden Age of Poetry - oder World of Warcraft - oder: die Leichen in Afghanistan, die geplünderten Museen in Bagdad & Kabul. Oder das zweite Leben: der gesichtslose Dialog, wenn ein Schauspieler-Dichter aus Andy Warhols sleep erwacht.


John Giornos Skulpturalisierung in sleep. Die weichen, erstarrten Gesichtszüge. Der atmende Brustkorb. An- & Abwesenheit. Die Übergriffigkeit der Kamera, der schlafende Schauspieler-Dichter dokumentarisch ins Fenster gestellt.

Das Verhältnis zwischen genetischem Geschöpf & Skulptur. Der eigene Körper: seine Versehrtheit, Vulnerabilität, Wehrlosigkeit im Schlaf, der eigene Körper, der am Ende verlorengeht, der geborstene Körper, die gesprengten Buddha-Statuen, Andreas Baader, der sich erschießt, Ian Curtis, der sich erhängt. Der Immigranten-Sohn John Giorno, der in Warhols Factory erwacht & weiter Gedichte schreibt.


Auch hier die fließenden Übergänge, wo Larssons collagenartiger Text ein- & ausrastet, jäh oder gleitend, mal sich Zeit nimmt, variiert, mal den Flow verdichtet, Fahrt aufnimmt & alles verschiebt. Dokumentarische Praxis des Sichtbarmachens, Weglassens, des Ein- & Ausblendens. Ein harter & sprunghafter Mix aus Collage, Dokumentation, lyrischen Abschweifungen & offengelegter Recherche mit Quellenangaben. Interviewpassagen, die, in Loops zerlegt, die Aussagen des Interviewten ins Leere führen.

Larssons lyrisches Diskursroulette nachzuvollziehen, fällt nicht leicht. Seine Positionierungen zu Terrorismus, zu Gewalt & Zerstörung von Kunstwerken entziehen sich den üblichen Eindeutigkeiten, stellen sich gegen das Bündnis der Kritiker, so Larsson. Seine Lyrik ist selbst performativ, Cut up-Traktat, in all ihrer sich selbst zerstückelnden Komplexität, die sehr hohen Rekonstruktionsaufwand abverlangt. Im, gegen & für den Ausnahmezustand zugleich, sich vom System befreien, über das eigene Ego, über den eigenen Körper hinaus, so das Kalkül.


Denken muss immer wieder neu beginnen.