Video-Rezension über Robert Lax

Im Rahmen der Akademie der Lyrikkritik entstand dieses Video (ab 37:08 min).


Rezension & Video: Erec Schumacher

Sprecherin: Magdalena Montasser


https://www.youtube.com/watch?v=oyHSNQIOkOs&t=3627s



Robert Lax – one star for each poem


the / sky // is / one /// the / air / is / one // the / sea // the / sea // the / sea // is / one

2013 erschien bei wave books ein schlicht als „poems (1962 – 1997)“ bezeichneter Auswahlband von Robert Lax Lyrik. Die Schönheit dieses Bandes ist überwältigend. Sie liegt vielleicht zum einen in der opulenten Überfülle von weißem Papier, in der Fokussierung auf die kargen, vertikal angeordneten Gedichte – Textsäulen, für die Robert Lax bekannt geworden ist, und deren Zeilen sich oft nur aus einem Wort oder einer Silbe von oben nach unten zusammenfügen.

Schlüsselwerke wie The Circus of the Sun (1959) oder 21 pages (1984), die mehr horizontale Strukturen aufweisen, bleiben genauso außen vor, wie Auszüge aus seinen Journalen, auf die in anderen Auswahlbänden gerne zurückgegriffen wurde.

Zum anderen fällt die verlegerische Sorgfalt auf, mit der die Gedichtstelen über die Seiten verteilt werden, wie akkurat Zeilenabstände, Schriftgröße gesetzt sind.

In vorherigen Publikationen wurde dieser visuelle Aspekt sträflich vernachlässigt.

Genau dadurch verzichtet der Band aber auch auf die übliche Inszenierung von Lax als heiligen Eremiten, der auf der griechischen Insel Patmos ein spirituelles Leben in Askese praktizierte. Viele haben an dieser Legende, die nicht frei von esoterischem Kitsch ist, gestrickt. Als Minimalist hat man Lax bezeichnet, als spirituellen Lehrer, Friedensstifter, Zen-Dichter, der sich als großer Unbekannter aus dem Literaturbetrieb zurückzog, als Vertreter einer „Poesie der Entschleunigung“. Zuschreibungen, die bei genauerem Hinsehen von den eigentlichen Qualitäten Lax´scher Lyrik ablenken.

Tatsächlich führte Robert Lax ein wechselvolles, über Jahrzehnte unstetes, nomadisches Leben. Er war bekannt mit Beat-Autoren wie Jack Kerouac, Allen Ginsberg oder Gregory Corso, inspirierte sie und war Wegbereiter und selbst unangepasster Outsider. Lax Werk ist darüber hinaus eng verknüpft mit den Avantgarde- und Populärbewegungen der Nachkriegszeit: mit Fluxus, arte povera, Konzeptkunst und konkreter Poesie, mit Yoko Onos Instructions, George Brechts Events Scores, John Cage Silence-Lectures, genauso wie mit Beat und Hollywood. Mühelos reiht er sich ein in den Stammbaum verschrobener Sonderlinge amerikanischer Avantgarde wie Moondog oder Harry Partch.

Er produzierte Hörspiele, schrieb Filmkritiken, begleitete fast ein Jahr lang den Wanderzirkus Christiani, trat dort als Akrobat auf, konvertierte zum Katholizismus, beschäftigte sich aber auch mit Toaismus und Zen, stand Dichtern wie Gomringer, Pastior oder Jandl nahe. Auch als er in den 60ern nach Griechenland übersiedelte und schließlich auf Patmos seinen Schreib- und Rückzugsort fand, blieb er auf umtriebige Weise mit dem „Literaturbetrieb“ verbunden, veröffentlichte Dutzende von Bänden in Kleinstauflagen, u.a. im Pendo-Verlag, pflegte zahllose Brieffreundschaften, besuchte Weltraum-Kongresse und erhielt sogar eine Gastprofessur samt Ehrendoktorwürde.

Auf Patmos nahm er regen Anteil am Leben der Inselbewohner, wovon seine Journals Zeugnis ablegen. Er war ein Vielschreiber und er verfügte über unterschiedliche Tonlagen: lakonisch, vergnügt, kryptisch, aber auch bodenständig und schwarzhumorig. Er schätzte James Joyce genauso wie Krishnamurti oder Henry Miller. Seine Texte pflegte er in Müllsäcken aufzubewahren. Es war Lax bewusste Lebensentscheidung, auf Überflüssiges zu verzichten, Ballast abzuwerfen. Die Konsequenz ist aber nicht zwingend Minimalismus. Konzentration auf das Notwendige kann auch Fülle, ständiges Auffüllen bedeuten.

Die ikonische Film-Doku „Why should I buy a bed when all that I want is sleep?“, die Lax in den 90ern wenige Jahre vor seinem Tod portraitiert, frönt im strengen Schwarzweiß dem Sakralen und Bodenständigem zugleich. In dem Film rezitiert Lax das Inventar seines Hauses. Es ist ein längeres Gedicht und steht im klaren Kontrast zu Günter Eichs Nachkriegs-Inventur oder zu monastrischem Verzicht. Lax verfügte über alles, was er für sein Poems House, wie er seine Behausung nannte, benötigte. Poesie als Lebensform? Die Suche nach Eudämonie, nach dem gelungenen, poetischen Leben? Jedenfalls kein Leben in Armut, sondern mit Bücherregalen und Muttersprachen, mit Licht, aber auch Dunkelheit, die sich in Atmung und auf weißem Papier transzendieren.

Das Wechselspiel und Ineinander- und Auseinanderfließen von Licht und Dunkelheit thematisiert Lax auch in „poems“. light // be / gets // darkdark // be / gets // light… oder: dark // out / of // light… light // out / of // dark… oder: light / is / light … light / is / dark … dark / is / dark … dark / is / light … Er variiert es in ähnlichen Arrangements immer weiter, reduziert es endlich auf Versstelen, die sich nur noch aus dem Wort light zusammenfügen. Das Langgedicht endet mit dem als Double nebeneinandergestellten Vers: cir /cle// of / light.

Seine vertikalen Gedichte beschreibt er als „filmisches Verfahren“. Bild folgt auf Bild, Silbe auf Silbe. Dieses Verfahren wird in dem bereits angesprochenen Gedicht light sehr augenfällig, wenn er nach der mantraartigen, 76maligen Wiederholung des Wortes light, Licht und Dunkelheit gleich mehrfach zum Explodieren bringt, was der Dynamik von Explosion of light / Explosion of Dark (ebenfalls mehrfach wiederholt) etwas Zeitlupenhaftes gibt und einen Effekt erzeugt, als würde die Explosion aus einer jeweils anderen Kameraeinstellungen gefilmt.

Die Gedichte wirken wie musikalisch strukturierte Kurzfilme, eine sparsame Gesangspartitur mit sich wiederholenden Motiven und Versen. Heute würde man von Loops sprechen.

Lyrik, die sich ins Meditative versenkt, die aber genauso performativ, körperbetont ist oder als Lectures gelingt – vor allem durch die zum Äußersten getriebenen Stilmittel der Einfachheit, Aussparung und Wiederholung. Lax Gedichte lesen sich vielleicht am besten mit halb geschlossenen Augen. things / into / words // words / into / things

Sie sind rhythmisch, so wie unser Atem rhythmisch ist.

Durch vermeintliche Reduktion größtmögliche Weite erreichen. White Cube Poetry. Räumungspraxis, um alles fließen zu lassen. Das zu sagen, was gesagt werden muss. Und nur das. In dieser Fließbewegung fließt alles als Anteilnahme zurück (calm /// & / gen / tle). Der so geschaffene Leerraum schafft einen Resonanzraum, der alles ermöglicht, Erweckungen im Augenblicklichen, in der Metamorphose. Seine persönliche Geschichte vergessen, wie Lax schreibt. Die Schönheit der zurückgenommenen Schrift, ihr Raum und Zeit geben, damit sie das weiße Papier atmet. Weißes Papier, das den Flow weniger wiederholter Silben ein- und ausatmet. Schreiben mit Atmung in Einklang bringen. In den Worten von Lax: „Ich schreibe, wie ich atme, und ich atme, wie ich schreibe.“

Alle Schönheit steckt in den Worten. Und die Worte sind oftmals als Einzelnes verdichtet oder in einfachsten syntaktischen Einheiten, und so lange wiederholt, als Einzelnes oder in einer isolierten Zweierbeziehung, bis sie sich wieder in das Ganze fügen: Worte wie: yes, no, never, forms, basic, stone, rooster, bird, word und immer wieder: sky, sea, light, darkness. Eingebettet in repetitiver, alltäglicher Praxis, von der Ruhe (silence) und Friedfertigkeit ausgeht.

Also doch das Werk eines Sehers von den letzten Dingen? Ja und nein.

In einem der wenigen szenischen Gedichte des Bandes fragt ein Hund das lyrische Ich: are you a visitor? Als das Ich zweimal bejaht, sagt der Hund: take me with you. Um diese Gefährtenschaft mit Geschöpfen, aber auch mit Dingen und Elementen nachzuspüren, benötigen die Gedichte größtmöglichen Freiraum, frei von grammatischen, syntaktischen, semantischen oder ideologischen Zwängen. Auch wenn es verführerisch ist, Lax Gedichte mit Zenpraxis in Verbindung zu bringen – die Auszüge aus japanese lesson, Lax praktizierter Anfängergeist und sein ganz Im-Augenblick-Sein legen das nahe, so ist doch Lax Katholizismus stets präsent, wenngleich auf äußerst undogmatische Weise. Die Gedichte ziehen ihre Spannung aus christlichen Metaphern, aus Dichotomien, die aber nicht schroff gegenübergestellt werden, sondern sich umkreisen, ineinanderfließen, vielleicht sogar verschmelzen, um sich dann wieder voneinander zu lösen. Lax Gedichte schwärmen aus, sie überwinden die biografischen Beschränkungen und Widersprüche. Es ist ein lyrisches Schreiben von Angesicht zu Angesicht, Du und Ich ineinander verschränkt, wobei unklar ist, für wen und was dieses Du oder Ich steht: für einen Olivenbaum, eine streunende Katze, einen Erdnussverkäufer oder Schwammtaucher, für Gott, Patmos, das Licht, die Dunkelheit oder das Rauschen des Meeres? Ganz hingegeben einem Prozess der Entwerdung tauscht Lax sein lyrisches Ich gegen all diese Dinge, Elemente und Geschöpfe ein, um sein Selbst zu öffnen, um dieses Sich-Öffnen in lyrische sowie freihändige Sprache zu transkribieren. Und diese Praxis ist womöglich sowohl spirituell als auch zutiefst poetisch.